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Zwischen den Zeiten

Der Herbst ist eine ehr­liche Jahres­zeit. Er beschö­nigt nichts. Er zeigt das Ver­gehen, ohne sich da­für zu ent­schul­digen. Die Blätter werden nicht weniger schön, weil sie fallen. Sie leuch­ten noch ein­mal auf, ehe sie die Erde berüh­ren. Der Herbst kennt das Geheim­nis, dass Ab­schied nicht das Gegen­teil von Schön­heit ist. So gehen wir durch diese Wochen.

Das Refor­mations­fest erinnert uns daran, dass Gott die Men­schen immer wieder auf­weckt. Nicht mit Lärm. Nicht mit Ge­walt. Son­dern mit einem Wort. Ein ein­ziges Wort kann ge­nügen, da­mit einer auf­steht, sich be­freit, neu zu glau­ben beginnt. Die Ge­schic­hte der Kir­che lebt nicht von ihrer Voll­kommen­heit. Sie lebt dav­on, dass Gott sie nie auf­gibt. Immer wie­der ruft er Men­schen aus den Ge­wohn­heiten her­aus. Immer wie­der schenkt er den Mut, neu an­zu­fangen.
Vielleicht brau­chen wir solche Refor­ma­tionen auch in uns­eren ei­ge­nen Her­zen. Nicht große Re­vo­lu­tionen. Eher kleine Ver­schie­bungen. Ein freund­lich­eres Ur­teil. Eine lang­sa­mere Eile. Eine größere Ge­duld. Ein­en neu­en Blick auf den Men­schen ne­ben uns. Gottes Geist ar­beitet oft leise. Wie Re­gen, der nie­man­dem be­fiehlt zu wachsen und doch alles wachsen lässt.

Dann kommt der No­vember.
Die Bäume stehen still. Die Fel­der ruhen. Die Tage werden kürzer. Wir be­suchen die Orte unserer Er­inn­er­ungen. Wir sprechen Na­men, die in unseren Häu­sern nicht mehr ge­rufen wer­den. Wir tra­gen den Schmerz nicht des­halb leich­ter, weil wir glau­ben. Aber wir tra­gen in nicht allein.
Der Ewig­keits­sonntag er­zählt nicht von ei­nem billigen Trost. Er nimmt die Trä­nen ernst. Er weiß um die leeren Stüh­le am Tisch und um die Stimmen, die ver­stummt sind. Und dennoch füstert er uns zu: Gott vergisst kei­nen Men­schen. Kein geleb­tes Leben fällt aus seiner Hand. Keine Liebe geht ver­loren. Vielleicht ist Ewig­keit nichts anderes als Gottes un­er­müd­liches Ge­dächt­nis der Liebe.Dann zün­den wir die erste Kerze an.
Der Ad­vent be­ginnt nicht mit Hellig­keit. Er beginnt mit einer kleinen Flamme gegen die Dunkel­heit. Das Licht ver­treibt die Nacht nicht auf ein­mal. Aber es wider­spricht ihr. Jede Ker­ze sagt: Es muss nicht bleiben, wie es ist.

So lernen wir in die­sen Wochen eine Hoff­nung, die nicht laut wer­den muss. Sie hat Zeit. Sie drängt sich nie­man­dem auf. Sie wohnt in einem Wort der Schrift, in einem Lied, das wir fast ver­gessen hatten, im Duft der feuch­ten Erde, im Klang einer Glocke über den kahlen Bäu­men.
Vielleicht ist das der Glaube: nicht alle Ant­wor­ten zu be­sitzen, son­dern den Weg zum Licht nicht zu ver­gessen. Gott kommt oft leise. Er kommt durch die Ritzen uns­erer Sicher­hei­ten. Er kommt in unsere Mü­dig­keit, in unsere Fragen, in unsere Sehn­sucht. Und wo er an­kommt, be­ginnt das Leben neu – nicht spek­ta­ku­lär, aber wahr­haftig.

So gehen wir durch den Herbst.
Mit offenen Hän­den. Mit dank­ba­rer Er­inn­erung. Mit der Hoffnung, dass der komm­ende Chris­tus schon längst unter­wegs zu uns ist.

Pfarrer i.R. Nikolaus Krause, Dresden