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»Siehe, ich mache alles neu.«

Dieses Jahr rauche ich weniger.
Dieses Jahr nehme ich mir mehr Zeit für die Familie.
Dieses Jahr wird alles anders.

 

Mit solchen Sätzen beginnen wir oft ein neues Jahr. Etwas soll sich ändern, etwas soll neu werden: neue Vorsätze, neue Chancen, neue Möglichkeiten.
Doch das »Neue« begegnet uns nicht nur in unseren guten Absichten. Es begegnet uns überall und fordert uns heraus: »Du brauchst das Neueste« – das neueste Auto, die neueste Mode, das neueste Smartphone. Unsere Gesellschaft lebt davon, dass immer etwas Schnelleres, Besseres, Neueres erscheinen muss. Und wir haben das Gefühl, Schritt halten zu müssen.

Der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa beschreibt das als »Beschleunigung«. Alles rast – und wir rennen mit. Wir sollen up to date bleiben, nichts verpassen, ständig mithalten. Doch genau daran, so Rosa, erschöpfen wir uns. Beschleunigung verspricht viel, hinterlässt aber oft Leere. Denn das »Neue«, das wir kaufen können, hält nur kurz. Schon morgen braucht es wieder etwas anderes.

 

Und dann hören wir die Jahreslosung aus der Offenbarung:

Siehe, ich mache alles neu.

Plötzlich merken wir: Gott kann damit nicht dasselbe meinen wie die Logik unserer Zeit. Gottes »Neu« ist kein Trend, kein Produkt, keine Opti­mierung. Es hat eine andere Tiefe. In der Offen­barung beschreibt Johannes eine Welt, in der Gott selbst Tränen trocknet, Wunden heilt und Zerstörtes aufrichtet.

Ein »Neu«, das nicht beschleunigt, sondern erlöst.
Nicht überfordert, sondern befreit.
Nicht wegwirft, sondern heilt.

Wenn Gott sagt: »Ich mache alles neu«, dann meint er kein schnelles Aus­tauschen, sondern ein liebe­volles Erneuern: Er richtet auf, was zerbrochen ist. Er öffnet Wege, wo Beziehungen fest­ge­fahren sind. Er schenkt Frieden, wo Streit unser Herz vergiftet hat. Und er stärkt uns in Krisen, die wir nicht aus eigener Kraft lösen können.
Hartmut Rosa sagt: Wir Menschen sind nicht für Beschleu­nigung geschaffen, sondern für Resonanz – für das Erleben, dass etwas uns berührt und wir antworten können. Resonanz entsteht nicht im Lärm der Geschwindigkeit, sondern im Raum der Begegnung.

Vielleicht kann man es so sagen: Wenn Gott alles neu macht, dann stimmt er die Saiten unseres Lebens neu. Saiten, die durch Stress, Leistungs­druck, Verletzungen und Ängste verstimmt wurden. Und wenn sie neu gestimmt sind, beginnt unser Leben wieder zu klingen – nicht laut, nicht perfekt, aber tragend und lebendig.

Die Jahreslosung lädt uns ein, diesem »Neu« Gottes zu vertrauen.

Gemeindepädagogin Ruth Gulbins