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Andacht aus dem Kirchen­blatt Juni/Juli 2026

Liebe Leserinnen und Leser,

in den kommenden Wochen fin­det die Fuß­ball­welt­meister­schaft statt. Das mediale Groß­ereignis bewegt Milliarden Men­schen auf der Erde. Vielleicht ist es das Ereignis, welches die meisten Menschen erreicht und begeistert.
Fuß­ball spielen ist eine groß­artige Sache. Ich habe in meiner Jugend­zeit in Seb­nitz in der Jugend­mann­schaft gespielt und als Pfarrer in der Pfarrer­mann­schaft der sächsischen Landes­kirche, den »Gött­lichen Gras­hüpfern«. Aber warum schreibe ich das?

Ich will von einer Begeben­heit erzählen, die sich 1961 zuge­tragen hat. Die Fußball­nation Deutsch­land schaut auf einen Verein, den Ham­burger SV und auf dessen besten Spieler, Uwe Seeler. Dieser hat von einem aus­ländischen Club ein groß­artiges Angebot bekommen. Wenn er dor­thin wechselt, bekommt er eine Million DM sofort, für jede weitere Spiel­saison 500.000 DM und Prämien, dazu Auto, Villa und viele Extras. Die junge BRD erlebt gerade das »Wirtschafts­wunder«. Geld wird wieder verdient und es wird immer wichtiger. Sollte es so wichtig sein, dass die Menschen dem Geld hinterher­laufen?Diese Frage lässt den Ham­burger Pfarrer und Theologie­professor Helmut Thielicke nicht in Ruhe. Er schreibt kurz ent­schlossen einen offenen Brief an Uwe Seeler, in dem er fragt: »Wo will das hin?« Weiter schreibt er: »Ich selbst bin aufs tiefste von dem Zynis­mus betroffen, mit dem gewisse Manager besonders tüchtige junge Menschen – sei es beim Sport, sei es beim Film – zu Objekten ihrer Speku­la­tionen machen und damit oft genug in ihrer inneren Entwicklung zer­mürben und sie schließlich zu Bankrot­teuren des Lebens werden lassen. Doch wenn Sie dieser Ver­suchung wider­stehen, lieber Herr Seeler, dann wäre das ein leuch­ten­des Fanal, durch das Sie eine ab­schüssige Bahn be­leuch­ten, die Menschen zur Besinnung rufen und sie davor zurück­schrecken lassen …

Sie sind bis jetzt ein aus­ge­zeich­neter Sportler gewesen und dadurch manchem aus ihrer Generation ein Vor­bild geworden. Ich glaube, Sie stehen jetzt vor der Frage, ob Sie eine noch größere Chance nutzen wollen: der Jugend unseres Volkes ein Leit­bild für die Lauter­keit der Gesinnung und für den Ernst des sport­lichen Spiels zu werden. In diesem Sinne grüßt Sie Ihr Thielicke“.

Uwe Seeler widerstand. Er blieb in Ham­burg und wurde für viele ein Vor­bild. Die Welt indes ist davon nicht grund­sätzlich anders geworden. Heute ist die Fußball-WM nur noch ein riesiges Geschäft für
Wenige und ein Fest der Eitel­keiten. Und trotzdem: Diese kleine Begeben­heit ist es Wert erinnert zu werden. Sie zeigt an, wie der Glaube helfen kann, wichtige Entscheidungen zu treffen.
Das gilt heute wie damals. Auch wenn wir den Monatsspruch für Juni bedenken, der lautet:

»Denkt an die Gefangenen, als wäret ihr mitgefangen;
denkt an die Miss­handelten, denn auch ihr lebt noch in eurem irdischen Leib!«

Hebr. 6, 19

Pfarrer i.R. Helmut Henke